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„Im Namen der Farbe“, 2009

Skadi Engeln und Teresa Casanueva

Konvex 99 –Galerie im Kontorhaus

Einführung zur Eröffnung

Von Richard Rabensaat


Landschaftssplitter

Aus der Abstraktion schaffen die Teresa Casanueva und Skadi Engeln ganz verschiedene Bildwelten

 Mit Skadi Engeln und Teresa Casanueva treten uns zwei Malerinnen entgegen, deren Bildsprache sich zwischen Abstraktion und Konkretion bewegt. Aus den Oszillieren zwischen Elementen, die Ahnungen von Gegenständlichem erkennen lassen und dem rein abstrakten Formspiel ergibt sich eine Spannung, die den Betrachter fasziniert. Zu sehen sind zunächst einmal differenzierte  Farblänge und  geschickt gebaute Räume und Landschaften. Dahinter verbirgt sich jeweils ein ganz eigener Blick auf die Welt.

Auffällig an den Bildern von Teresa Casanueva ist, dass sie sich nicht nur jeder historisierenden oder pathetischen, sondern überhaupt jeder narrativen Darstellung verweigern. Dies obwohl es sich gelegentlich durchaus um gegenständliche Sujets handelt. Dabei hätte die Malerin einiges zu erzählen. 1963 in Kuba geboren, studierte sie auf der Karibikinsel freie Kunst und dann in Halle an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein zunächst in der Fachrichtung Textil und dann am Fachbereich freie Kunst.  Seit 2000 arbeitete sie fortgesetzt an zahlreichen Trickfilmproduktionen mit. Als 1989 die Mauer fiel, war Teresa Casanueva eine der 24 Künstlerinnen, die 1990 die mittlerweile unter Denkmalsschutz stehende ‚East-Side-Galery’ verwirklichten. Die East-Side Gallery ist mittlerweile das längste Stück Mauer, dass sich noch in Originalzustand an seinem Originalstandort befindet. Der Teil des Wandbildes von Teresa Casanueva zeigt knospende Triebe, die vor einer hellen Fläche in den Himmel wachsen. Es ist vermutlich keine Überinterpretation zu sagen, dass die Pflanzen die zarten Triebe der Hoffnung auf einen demokratischen Neubeginn im ehemals sozialistisch regierten Ostteil der Stadt symbolisieren. Auch Teresa Casanueva eröffneten sich mit dem Fall der Mauer völlig neue Perspektiven in einem Gesellschaftssystem, dass sich grundsätzlich von demjenigen unterschied, in dem sie bisher gelebt hatte. Sie nahm diese wahr, indem sie zahlreiche eigene Ausstellungen und Projekte realisierte und sich an Gruppenausstellungen, beispielsweise der Landeskunstschau Sachsen-Anhalt oder der Ausstellung ‚Erotische Kunst’ in der Galerie 5 Sinne in Halle beteiligte.

Vor dem Hintergrund des historischen Umbruchs und der persönlich erlebten unterschiedlichen  Kulturen in Havanna und dem jetzigen Deutschland hätte es nahe gelegen, diese Erfahrungen auch in einer figürlichen Malerei zu thematisieren. Gerade diesen nahe liegenden Kurzschluss aber verweigert die Malerin. Soweit ihre Bilder Gegenständliches zeigen, interessieren Casanueva reine Formen. Die wirken manchmal skurril und lassen häufig ihre gegenständliche Herkunft nicht klar erkennen. „Eindringlinge“ betitelt sie eine Bilderserie mit rundlichen Formen, die verschiedenfarbig mehr oder weniger frei durch den Raum fliegen. Andere Titel sind ‚Interior’, ,Objeto’ oder ‚Cake’. Gemeinsam ist den Bilderserien eine fröhliche, gelegentlich zum poppigen neigende Farbigkeit und die zunächst etwas zufällig wirkende Ansammlung von oft frei im Raum schwebenden Gegenständen. Soweit erkennbar hat einzig die Serie ‚Cake’ einen sozialen Bezugspunkt, indem sie das Ritual des Caffee- und Kuchentrinkens am Nachmittag thematisiert. Die Bedeutung der Handlung differiert nach Angaben der Malerin in Kuba und Europa stark. Während in Deutschland der Nachmittagskuchen mancherorts zur gewohnheitsmäßigen Nachmittagsgestaltung zählt,  hat der Kuchen in Kuba – wohl auch aufgrund der Knappheit der zur Verfügung stehenden Zubereitungsmittel – eine heraus gehobene Bedeutung. Auch bei den ‚Cake’ Bildern hat der Betrachter jedoch das Gefühl, der soziale Aspekt streife die Bildwelt Casanuevas allenfalls am Rande.

Konsequent zu einer eigenen Bildsprache findet Casanueva bei den Bildern, in denen sie sich auf die Strukturierung eines Raumes mittels abstrakter Elemente konzentriert. Hier hat sie eine ganz eigene Technik des ‚Kartonschnitts’ entwickelt. Während Radierung und Holzschnitt auf eine Herstellung von Druckserien hin angelegt sind, eignet dem von Casanueva gewählten Kartonschnitt etwas ebenso einmaliges wie der Ölmalerei. Denn der aus dem Karton geschnittene Druckstock ist nach dem Farbauftrag unweigerlich zerstört. Die Druckbilder sind nun weit gehend abstrakt. Auch wenn ein Bild den Titel ‚Corazon verde’ trägt, heißt dies nicht, dass darauf das Titel gebende ‚grüne Herz’ in Naturform zu sehen ist. Zwar hat das Bild eine rote geometische Mitte. Diese ist aber alles andere als eine anatomische Darstellung. Vielmehr überlagern sich dort grüne, rote und blaue Flächen, Schnipsel, Formen. Naturgemäß entstehen bei der von Casanueva verwendeten Technik eher flächige Formen. Das tut jedoch der Lebendigkeit der variantenreichen Farbtableauxs keinen Abbruch.

Die allermeisten Drucke weisen ebenso wie die Ölbilder eine helle Farbigkeit auf. Himmelblau steht neben Rot und Rosa, Gelb korrespondiert mit Orange oder Mauve. Selbst mögliche Komplementärkontraste werden durch den luziden Farbauftrag des Kartondrucks gemildert. Es entsteht ein harmonisch organisierter Farbraum, in dem Schnipselformen mit Gittern korrespondieren, Streifenmuster hinter ornamentalen Strukturen hervor scheinen, spitzige Pfeilformen aus angedeuteten Raumstrukturen heraus schießen. Gelegentlich legt die Bildaufteilung es nahe, eine Horizontlinie zu vermuten. Meist aber ist es die pure Lust an der frei flottierenden Form, die das Bild trägt. Casanueva erreicht trotz des durch die Drucktechnik begrenzten Formenrepertoires eine erstaunliche Vielgestaltigkeit der verwendeten Formen- und Bildsprache. Die mannigfachen Schichtungen der gedruckten Muster und Formen verweben sich zu einem Bildganzen in dem sich zufällig gefundene Formen mit sorgfältig austarierten Farbklängen verbinden. Geometrisches setzt sie gegen organisch anmutende Miniaturen. Landschaftssplitter werden von Leitern und vermeintlichem Schneegestöber überlagert.

Casanueva gelingt eine eigenständige, intelligente Bildorganisation die an sich ohne erkennbare kunsthistorische Nachbarschaft ist. Zwar experimentierten auch die abstrakten Expressionisten Amerikas mit verschiedene Drucktechniken. Wobei es Robert Rauschenberg zu einer beachtlichen, wenn auch gegenständlichen Meisterschaft brachte. Die Möglichkeiten künstlerischen Ausdrucks die auf heutiger Drucktechnik basieren, haben jedoch nur wenige Künstler so konsequent ausgeforscht wie Teresa Casanueva. Zu nennen sind hier Paco Knöller und der Chinese Tan Ping, die teils sehr großflächige Arbeiten mit rein abstarktem Formrepertoire schaffen. Von Knöller allerdings unterscheiden sich die Arbeiten der Künstlerin in ihrer häufig kleinteiligen Musterung die manchmal Elemente ihrer gegenständlichen Ölmalerei aufgreift. Letztlich schafft Casanueva lebendige Raumstrukturen, die durch ihre ausdiffrenzierten, vielschichtigen Farbklänge überzeugen.

Ebenso Formenreich sind die Landschaften und Tierbilder von Skadi Engeln. Bei ihr entsteht die Vielschichtigkeit jedoch nicht durch die Überlagerung von Druckstöcken, sondern mittels der von Hand aufgetragenen Öl-, Acryl-, Stiftzeichnung und Malerei. Die Farben scheinen bei Engeln zu schweben, flirrende Flächen überlagern sich zu vermeintlichen Traumlandschaften, die keine narrativen Elemente stören. Obwohl die Landschaften letztlich abstrakte Kompositionen sind, weist Engeln weit von sich eine ungegenständlich arbeitende Künstlerin zu sein. Die unmittelbare Bezugnahme auf die erkennbare Landschaft ist der Malerin wichtig. „Das erkennt man doch“, so ihr erstaunter Ausruf mit dem sie auf eine entsprechende Frage reagiert. Allerdings kann der Betrachter gelegentlich Ackerfurchen, Wälder,  Grasnaben bei den geschickt komponierten Flächen Engelns assoziieren. Aber es scheint doch relativ abwegig, anzunehmen Engeln hätte sich die Detailversessenheit eines Brueghel oder Friedrich oder die symbolistische Sichtweise auf die Landschaft der Romantiker zum Vorbild genommen.

 Ihr geht es um den Klang, die schwebende Luzidität der Flächen, das Angedeutete. Hier steht sie einer modernen Tradition, die auf Maler wie Gotthard Graupner oder Mark Rothko verweist. Auch ihnen ging es darum, den Klang der Farbe von einer überfrachteten Symbolhaftigkeit zu befreien und den Betrachter einzuladen, sich auf die originären Farbwerte einzulassen. Die Farbe dient keiner Erzählung, sondern soll dazu einladen, sich in das Bild zu vertiefen. So entsteht bei der Malerin Skadi Engeln ein imaginärer Raum, der an Morgen-, Abend-, oder sonstige Tagesstimmungen erinnert. Zu sehen sind verhangene Regenlandschaften und rot glühende Felder. Gelegentlich arbeitet die Malerin mit Komplementärkontrasten. Diese zerreißen das Bild allerdings nicht, sondern lassen ein feines Netz aus durchsichtige Schichtungen, verlaufenden Schlieren und verschwimmenden Horizonten entstehen. In ihrer vagen Unfassbarkeit eröffnen die Landschaften einen weiten Assoziationsraum. Man meint die weiten grünen Felder Frieslands ebenso in die Fläche gebannt zu sehen, wie feurig unterlegte Lavafelder des Stromboli. Durch ihre Menschenleere erhält der Betrachter die Möglichkeit, sich ganz auf die zum Teil auch in geometrischen Strukturen gefassten Farbnuancen zu konzentrieren.  Mit ihrer feinfühligen, differenzierten Malweise beweist Skadi Engeln nicht zuletzt auch, dass sie in der Lage ist, verschiedene malerische Techniken wie Ölmalerei und Pastellzeichnung zu einem stimmigen Gesamtklang zu vereinen.

Alles Handwerk wäre jedoch ohne Nutzen, wenn es den beiden Malerinnen nicht gelänge, ganz eigene Bildwelten zu entwerfen. Das geschieht bei beiden auf verschiedene Weise. Teresa Casanueva bannt im intelligenten Spiel mit Formen und Farben letztlich die Freude an der kreativen künstlerischen Intelligenz in die Fläche. Dagegen unternimmt Skadi Engeln eine lyrisch-poetische Deutung von Welt und Landschaft, die in von Kriegen und Umweltkatastrophen geschüttelten Zeit auf Harmonie und Schönheit hofft.