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Geteilte Räume

Ausstellung Zionskirche, Berlin, 2011

Thilo Seibt-Fotografie, Skadi Engeln-Malerei

Thilo Seibt und Skadi Engeln zeigen die Natur und weisen über das dargestellte Sujet hinaus

Eröffnungsrede von Richard Rabensaat

 Ein waagerechter Horizont, Nebelwolken, verschwimmende Segmente von Bäumen, Blättern, Bergen und Straßen. Weder die Bilder von Skadi Engeln, noch die Landschaften von Thilo Seibt benennen eindeutige Orte oder Plätze. Die Konturen der Pflanzen und Straßen die auftauchen, verschwimmen.

Der Betrachter ahnt bei den Fotos von Thilo Seibt, auf denen Blätter zu sehen sind, nur wo die Bilder entstanden sein könnten. Es könnte ein von der Sonne beschienener Regenwald sein, ein Meer, eine Wattlandschaft. Die Realität erscheint wie durch einen Schleier. Dies ist bei den ausgestellten Fotos zunächst einmal auf die Örtlichkeit zurück zu führen, in der sie entstanden sind. Aus dem überdachten Durchgang einer Metrostation, durch das milchige Glas hindurch fotografiert, erscheinen nur noch Ausschnitte der Natur, die sich hinter der Scheibe findet. Die Fotos könnten ebenso gut im Wald, wie auch in der Großstadt aufgenommen worden sein. Damit führt Thilo mustergültig vor, dass die vermeintliche Objektivität der Fotografie nicht mehr ist als eine Fiktion.

Ebenso wie der Maler schafft sich auch der Fotograf seine eigene Welt. In der sind Zeichen und Bezeichnetes nicht identisch. Das Zeichen vermittelt bestenfalls eine Ahnung dessen, was sich hinter ihm verbirgt.

Dies gilt in noch stärkerem Maße für die Bilder, die Seibt als „Grisaille“ bezeichnet. Eine Horizontlinie unterteilt eine Fläche, die sich dem Titel entsprechend grau über das Bild ausbreitet. Es finden sich nur noch Andeutungen gegenständlicher Elemente. Zwei Vögel fliegen über eine spiegelnde Wasserfläche, Nebel breitet sich aus über einer in milchiges Grau getauchten Ackerfläche. Ein Bild, das vermutlich einen See zeigt, auf dem sich die Reste einer Wasserspiegelung finden, kann genau so gut als abstrakte Komposition gelesen werden.

Vielleicht narrt der Fotograf den Betrachter, indem er ihm den Ausschnitt von etwas ganz anderem, beispielsweise einer von Schimmel befallenen Mauerwand, präsentiert. Das maßgebliche Bild findet sich nicht auf dem Fotoabzug an der Wand. Es entsteht im Kopf. Der Betrachter gleicht die abstrakten Kompositionen von Seibt mit seinem Erfahrungswissen ab.

Wie lücken- und fehlerhaft dieses Bild sein kann, hat Platon beispielhaft in seinem Höhlengleichnis formuliert. Höhlenbewohner, die an eine Mauer gekettet waren, sahen stets nur die von einem Feuer an die Wand geworfenen Schatten der Menschen, die sich außerhalb der Höhle befanden. Der Schein vergrößerte die Umrisse. So erschienen die Menschen den Höhlenbewohnern als Furcht erregende Riesen, die jeder Plastizität und Dreidimensionalität beraubt waren. Als einer der Höhlenbewohner endlich von seinen Ketten befreit wurde, trat er aus der Höhle. Er sah, dass sich die Eingekerkerten in ihrem Gefängnis ein viel zu kleines und bedrohliches Bild von der Welt gemacht hatten. Menschen im Licht der Sonne waren vielgestaltiger, plastischer, ganz anders als ihre Schatten.

Nicht anders ist die Fotografie generell ein schwaches Abbild der Welt. Dennoch wird ihr vielfach die Fähigkeit zugeschrieben, eine Aneignung der Welt darzustellen. Nicht selten sind Betrachter geneigt, die abgebildete Wirklichkeit für realer zu halten als die greifbare Welt. Das jedoch ist ein Irrtum auf den die Bilder Seibts hinweisen. Wie sehr die Wahrnehmung eines Bildes von der Realität abweichen kann zeigt auch die Bilderserie „Wüstungen“ von Thilo Seibt.

Zu sehen sind zumeist unspektakuläre Naturszenarien. Die ausgewogenen Kompositionen fesseln den Betrachter mit einer unbestimmten Ruhe, die sie ausstrahlen. Tatsächlich handelt es sich um Orte, die oft vor Jahrhunderten belebt waren und nun verlassen sind. Schon diese Information kann der Betrachter dem Bild nicht ohne entsprechendes Vorwissen entnehmen. Seibt hat die Aufnahmen jedoch zudem in der Nacht gefertigt. Nur die überlange Belichtungszeit macht eine Szenerie sichtbar, die dem bloßen Auge verborgen geblieben wäre. Sie enthüllt sich ausschließlich durch den vom Menschen sonst nicht wahrnehmbaren Restschein des Lichtes in der Nacht. Die Bilderserie zeigt in idealtypischer Weise, dass ein Foto mitnichten seinen Gegenstand exakt benennt. Wie eine Fotografie gelesen wird, bestimmt sich nach den visuellen Erfahrungen, die der Betrachter gemacht hat und nach seinem kulturellen und sozialen Umfeld.

Es kann also gesagt werden, dass Thema der Bilder Thilo Seibts nicht das Dargestellte, sondern die dahinter vermutete Realität ist. Die Dörfer aus der Serie „Wüstungen“ sind zwar verschwunden, aber ihre ehemaligen Bewohner haben sicherlich Spuren in der Zeit hinterlassen auch wenn sich diese heute nicht mehr zurück verfolgen lassen.

 

Auch für die Bilder Skadi Engelns gilt, dass sie nur vordergründig Landschaften darstellen. Die meisten Bilder der Malerin entstehen nicht in einem Arbeitsgang. Sie sind das Ergebnis vielfacher Korrekturen, Veränderungen und Umdeutungen der Farbsituationen, die den jeweiligen Ausgangspunkt gebildet haben.

Die senkrechten Farbschlieren, die sich über die neueren Bilder der Künstlerin ziehen, deuten an, dass es sich um verborgene Landschaften handelt. Engeln hat die Bilder nach der Katastrophe von Fukushima gemalt. Sie zeigen Landschaften, über denen möglicherweise ähnlich wie über den Landschaften nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ein radioktiver Fall-out liegt. Welche Spuren die Katastrophe, die sich auf der anderen Hälfte der Erdhalbkugel abgespielt hat, in Europa hinterlassen hat, ist gegenwärtig noch nicht absehbar. Sicher aber ist, dass erheblich mehr Radioaktivität in der Landschaft verbreitet wurde, als die zuständigen Behörden zunächst zugeben wollten.

Es geht der Künstlerin jedoch nicht darum, auf vordergründige Weise Sozialkritik zu üben. Das Thema der Malerin ist vielmehr, ebenso wie das des Fotografen, das Bild als mögliches Medium einer Seelenlandschaft. Die kann allerdings nur angedeutet werden. Während die Fotografie jedoch immer in Ruch steht, der Dokumentation verhaftet zu sein, kann die Malerei diesen Bezugspunkt vollständig vernachlässigen.

Bei der Betrachtung der Landschaften Van Goghs oder Paul Klees käme niemand auf die Idee, es handele sich um den Anblick einer Landschaft. Maler wie Gotthard Graubner oder Franz Kline oder Robert Motherwell erwecken nicht mehr den Anschein, irgendeine Form gegenständlicher Abbildung zu beabsichtigen. Mittels abstrakter Formen verfolgen sie die abstrakte Idee von einem Bild. Dem haftet nur der Schein einer Landschaft an. Letztlich hat sie aber jeden gegenständlichen Bezug hinter sich gelassen.

So weit geht Skadi Engeln allerdings nicht. Nur selten verlässt sie das von ihr gewählte Sujet. In der Regel vertraut sie darauf, dass sich mit der von ihre gewählten gegenständlichen Darstellungsweise eine Stimmung transportieren lässt, die dazu einlädt, über die Bedeutung des unmittelbar Dargestellten hinaus zu reflektieren. Die vielfachen Schichtungen und differenzierten Farbabstufungen lassen komplexe Farbräume entstehen, die dazu einladen, sich länger mit ihnen zu beschäftigen. Das häufig gewählte Motiv des perspektivisch in die Tiefe des Bildraumes leitenden Weges trägt ein Übriges dazu bei, den Betrachter in den gemalten Raum zu ziehen. Das Kompositionsprinzip des in die weite Landschaft führenden Weges verwendete auch der Romantiker Caspar David Friedrich.

Die Weite, der unbestimmte Raum, die Sehnsucht nach der Ferne waren Themen, die den Maler beschäftigten und die sich auch bei Thilo Seibt und Skadi Engeln finden. Die ungebrochene Schönheit der Landschaft und das Versprechen einer Harmonie mit und in der Natur, das sich in den Bilder Friedrich spiegelt, hat heute keinen Bestand mehr.

Friedrichs Thema war auch das Scheitern des Menschen an der Natur, beispielsweise bei dem Schiffsunglück im Eismeer mit dem Titel „die verunglückte Hoffnung“. Heute hat sich das Verhältnis umgekehrt. Nicht mehr die Natur bedroht den Menschen, sondern der Mensch die Natur.  Er kann sie restlos zerstören, wie das zerbombte Bikini Atoll bezeugt, das Jahrzehnte lang für Atomtests herhalten musste, oder auch die Reaktorkatastrophe von Fukushima. Vor diesem Hintergrund mag der Schleier vor den Bildern Skadi Engelns wie ein giftiger Regen wirken, der hoffentlich kein Menetekel für den künftigen Umgang mit der Natur ist.